Wer war Klaus Störtebeker?

Der Seeräuber Klaus Störtebeker hat nicht Tagebuch geführt und auch keine Memoiren geschrieben. Auch einen angeblich versteckten Goldschatz hat man bis heute nicht gefunden. Es sieht so aus, als ob Klaus Störtebeker sich um seinen Nachruhm keine Gedanken gemacht hätte. Umso geflissentlicher hat sich die Nachwelt seiner Person und seiner Taten angenommen. Über 600 Jahre nach seinem Tod (1401) ist Klaus Störtebeker Deutschlands berühmtester Pirat und Seeheld. Ein Freund der Armen und Feind der Reichen. Eine sagenumwobene Berühmtheit.

Historisches Material in Sachen "Störtebeker“ gibt es nur wenig, und so wird sein Geburtsort nie endgültig geklärt werden können. Auch die früher unterschiedliche Schreibweise seines Namens sowie die Frage nach seinem Vornamen tragen nur zur Verwirrung bei und lassen nicht auf seine tatsächliche Herkunft schließen. So findet man in alten Schriftstücken und Klageschriften seinen Namen als Storbiker, Strotbeker, Stortebeker, Stertebeker, Sturzbecher bis schließlich zur heute gebräuchlichen Sprach- und Schreibform aus dem Plattdeutschen, nämlich "Störtebeker".

Ähnliche Ungereimtheiten ranken sich um seinen Vornamen. Hier finden sich Nikolaus, Clawes und Claus oder auch Nicolas Stortebeker, der bereits in dem Wismarer Verfestungsbuch (Gerichtsbuch) von 1380 so genannt wird. Das im Dunkeln liegende Geheimnis um seine Person war immer wieder Anlass zu zahlreichen Spekulationen und unterschiedlichen Versionen über seine Herkunft.

A. Blasel hat in ihrer Dissertation allein 18 verschiedene Orte bzw. Gegenden aufgeführt, in denen Störtebeker geboren sein soll. Das Spektrum reicht von Pommern über Mecklenburg und Hamburg bis nach Ostfriesland. Irgendwelche Urkunden darüber sind bis heute nicht aufgetaucht, so dass die Meinungsverschiedenheiten wohl in absehbarer Zeit nicht aufgeklärt werden dürften. Dies wäre vielleicht auch gar nicht wünschenswert, denn manche Sage würde dann den Reiz des Geheimnisvollen verlieren.
Nach der Norder Chronik von Pastor Bernhard Elsenius soll Störtebeker zum ersten Mal am 13. Januar 1396 nach Marienhafe in Ostfriesland gekommen sein. Der solide Kirch- und Wehrturm schien ihm sogleich als idealer Schutz und Schlupfwinkel, seither ist er als 'Störtebeker-Fluchtturm' in die Geschichte eingegangen. Von hier aus hat er mit seinem Kumpan Gödeke Michels viele seiner berühmtberüchtigten Kaperfahrten unternommen und seine Beute mit seiner Mannschaft, den Vitalienbrüdern, geteilt, was ihnen dann auch die Bezeichnung 'Liekedeler' eingebracht hat.

So wie sein ganzes Leben wird auch sein Lebensende in verschiedenen Varianten geschildert. Dabei sind sich die Chronisten in einem Punkt einig, dass den Seeräubern das Steuer ihres Admiralsschiffes, als sie bei dichtem Nebel in der Nordsee vor Anker lagen, durch einen Blankeneser Ewermann mittels geschmolzenem Blei blockiert wurde. Dem Angriff der Hamburger 'Bunte Kuh' konnte bei Tagesanbruch nicht mehr ausgewichen werden. Störtebekers Schiff wurde geentert und er und fast die gesamte Mannschaft in Hamburg hingerichtet.

Leider gibt es wenig Konkretes, d.h. geschichtlich belegbare Überbleibsel, denn sowohl der berühmt gewordene Trinkbecher als auch aufschlussreiche Akten über Störtebeker sind dem großen Brand von Hamburg im Jahre 1842 zum Opfer gefallen. Geblieben sind Sagen und Überlieferungen so bunt und schillernd wie seine Person, und sie erstrecken sich über ganz Norddeutschland von Ostfriesland bis Pommern. Sie versuchen, seinen Namen und seine Herkunft zu deuten. Sie berichten über Schlupfwinkel und von verborgenen Schätzen, von Beutezügen, verbündeten Häuptlingen in Ostfriesland, von Stiftungen und guten Taten. Aber sie befassen sich auch mit Spuk, dämonischen Gefährten, geheimnisvollen Reliquien, geliebten Jungfrauen und mit seiner Trinkfestigkeit. Das brachte ihm auch seinen Namen bei der Aufnahmeprüfung in die Gesellschaft der Vitalienbrüder ein. Hier hatte er neben einer Kraftprobe einen ellenhohen Becher, groß wie seine Seestiefel, in einem Zuge zu leeren. Störtebeker war's ein Vergnügen. So hielt er saufend Einzug in die Seegeschichte der Piraten und erhielt seinen Namen: Störtebeker = stürz den Becher.

Machte er später Gefangene, so mussten sie, wenn sie nicht über Bord geworfen werden wollten, entweder ein hohes Lösegeld zahlen oder den großen Becher ebenfalls in einem Zuge leeren. Angeblich soll dieses aber nur einem Junker aus Groningen gelungen sein. Ihm zu Ehren trug der Becher die plattdeutsche Inschrift: 'lck Jonker Sissinga van Groninga dronk dees Heusa in een Fleusa Dor myn Kraga in myn Maga'.

Und was das Störtebeker-Portrait betrifft, das bärtig, grimmig und doch gütig seine Existenz allenthalben zu untermauern scheint, es hat seinerseits eine Geschichte, die fast so interessant und mysteriös ist, wie die von Störtebeker selbst, nur, dass sie mit dem Seeräuber nichts zu tun hat. Das Bild von Daniel Hopfer zeigt den Spanier Gonsalvo di Cordoba, der für Venedig eine große Seeschlacht gegen die Türken gewonnen hatte und von 1504 - 1507 Vizekönig von Neapel wurde. Dass das Portrait eines großen Seehelden für einen Piraten ausgegeben wurde, war weniger Zufall als damals schon geschickte Vermarktung der Überlieferungen von Störtebeker. Und man kommt nicht umhin zuzugeben, dass dieses Bild sehr treffend Größe und Ruhm des legendären Seeräubers symbolisiert.

Stellt man sich abschließend die Frage, wie konnte ein Seeräuber Oberhaupt zu solch legendären Ruhm gelangen, so muss man die Zeitgeschichte von vor 600 Jahren berücksichtigen. Störtebeker, Gödeke Michels und Magister Wigbold, der sogar in Oxford studiert hatte, das waren Vorbilder in den Träumen des geknechteten, gemeinen Volkes, das auf den Kauffahrteinschiffen geschunden wurde, ohne Rechte. In der Trostlosigkeit ihres Daseins träumten sie von weniger Schikanen, von Bier und Weibern. Störtebeker war ihre Hoffnung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, von einer besseren Welt, frei und ungebunden auf den Meeren, wo man redlich miteinander teilte (zu Liken Deelen). Zeit und Phantasie haben vieles um die Person Störtebeker hinzugedichtet. Er war eben ein Seeräuber wie er im Buche steht: trinkfest, tapfer und durchtrieben. Vor allem aber: edel, hilfreich und gut. Eben ein Vorbild der geknechteten Seeleute, einer der über Riesenkräfte verfügte und ungeheuren Mut besaß. Er galt zwar als brutal, aber vor allem als sozial.

(Textauszüge aus der Festschrift von Dieter Kreft anlässlich des 70. Vereinsgeburtstags 1994)