"Leistung durch Harmonie"

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Bremer Talente: Kanusportlerin Marie Gerland schöpft ihre Energie aus der familiären Vereinsatmosphäre

Reiner Jüttner – Weser Kurier

Bremen. Am Anfang war die Faszination für diese ganz schmalen Boote, in denen die erfahrenen Kanuten sanft und nahezu lautlos über das Wasser gleiten. Dieses Bild – zusammengesetzt aus den kraftvollen Bewegungen der Athleten und der schnittigen Eleganz der Kajaks – hat sich bei Marie Gerland sofort ins Gedächtnis eingebrannt, als sie vor knapp fünf Jahren erstmals beim Tag der offenen Tür von Störtebeker Bremer Paddelsport auftauchte.

Foto: M.Uphoff-Jaedicke

Das Schnuppertraining muss offenbar mächtig Eindruck bei der damals Zwölfjährigen hinterlassen haben, denn aus dem Schnuppern wurde ein Eintauchen in die Welt der Paddel-Perfektionisten – und aus Marie Gerland eine inzwischen vierfache Bronzemedaillengewinnerin bei deutschen Meisterschaften.

„Dabei hatte ich wirklich überhaupt gar keine Ambitionen zum Leistungssport. Eigentlich dachte ich mehr so an Wanderfahrten“, sagt die heute 17-Jährige. Und darum waren es auch nicht die Aussichten auf irgendwelche Erfolge oder der rein sportliche Aspekt des Kanufahrens, die Marie Gerland ansprachen: „Mich hat diese familiäre Atmosphäre angezogen. Diese Freundlichkeit, mit der ich dort aufgenommen wurde.“

Diese Vertrautheit war zweifelsfrei auch das Verdienst von Martina und Karl Paufler. Die Eltern der beiden Bremer Ausnahmekanuten Marcel und Sven Paufler kümmern sich seit Jahren um den Störtebeker Paddel-Nachwuchs. Und mittlerweile geben die Paufler-Brüder auch schon ihr Wissen weiter. Der 22-jährige Marcel kennt Marie ebenfalls lange. Sein Urteil ist ebenso nüchtern wie überzeugend. „Sie ist eine echte Beißerin“, sagt der mehrfache Deutsche Meister und Medaillengewinner. „Marie hat sich in den letzten beiden Jahren sehr gut entwickelt. Gerade der Umstand, dass sie bei uns ausschließlich mit Jungen und mittlerweile jungen Männern trainiert, hat sie enorm weitergebracht. Da hat der eine oder andere Kanute manches Mal ziemlich staunen müssen, wie flott Marie unterwegs ist.“

Ihre Motivation zog die Gymnasiastin aus dem Ehrgeiz, endlich in den ganz schmalen Booten zu fahren. „Spätestens nach meinem ersten Rennen, als ich in einem ziemlich breiten Boot antrat und die anderen viel schneller davonzogen, war mein Ehrgeiz erwacht“, sagt die Zwölftklässlerin am Gymnasium Horn. Klar, die ersten Versuche in diesen Rennkajaks auf dem Unisee endeten schon noch im Wasser, aber schnell bekam Marie Gerland das Gefühl für die Boote. Und als sie 2014 im ostfriesischen Harle zum ersten Mal nach einem 3000-Meter-Langstreckenrennen im Einer ganz oben auf dem Treppchen stand, war sie einfach nur glücklich. „Es war nur ein kleines, unbedeutendes Schülerrennen, und ich hatte mit dem ersten Platz eine Spritzdecke fürs Kajak gewonnen. Aber es fühlte sich einfach großartig an“, sagt sie.

Von da an ging es steil bergauf, und sie versuchte sich in nahezu allen Paddelsport-Disziplinen. Für Gerland bedeuteten gerade die Wildwasser-Wettbewerbe eine große Umstellung. „Da gibt es plötzlich andere Strömungen, man muss anders steuern und schnell die Situation erkennen. Das ist schon ziemlich spannend.“ Für Marcel Paufler war aber gerade das ein wichtiger Schritt in Maries Entwicklung. „Sie ist allem gegenüber total offen und hat einfach alles ausprobiert. Das hat ihr viel gebracht. Vor allem die Wildwasserrennen. Da hat sie viel für das Bootsgefühl mitnehmen können und sitzt absolut sicher im Boot.“

Wie sicher, zeigte sich schnell. 2015 qualifizierte sie sich nach ihrer ersten Teilnahme an den norddeutschen Titelkämpfen gleich für die deutsche Meisterschaft im Kanu-Rennsport. Auf der Olympiastrecke in München lief es allerdings noch nicht sonderlich gut. Ohnehin ist der pure Rennsport nicht so das Ding der 17-Jährigen: „Das ist mir einfach zu ernsthaft. Die gesamte Stimmung beim Wildwasser und Marathon ist für mich viel angenehmer.“

Respekt vor Wildwasser-Abfahrten

Diese Wohlfühl-Atmosphäre ist es, die Marie Gerland so sehr braucht, wie das Wasser unterm Kajak. „Ich kann mich dann einfach psychisch besser vorbereiten. Wenn das Gesamtpaket aus Wettkampf-Atmosphäre und Erfolg stimmt, ist der Wettbewerb für mich perfekt.“ Zu diesen Wettbewerben gehörten dann wohl auch die deutschen Meisterschaften 2016 im Marathon und Wildwasser. In der Jugend gewann Marie Bronze im Marathon, und im Wildwasser holte sie an der Seite von Hanna und Lina Brinkmann (beide Oberalster Hamburg) ebenfalls Bronze in der Leistungsklasse der Damen. Im nicht sonderlich geliebten Kanu-Rennsport kam sie mit der Verdenerin Kyra Klaft im Zweier-A-Finale auf den fünften Platz. Diese Erfolgsserie setzte sich auch 2017 fort. Wieder konnte sie sich bei der Wildwasser-DM platzieren. Erneut mit ihren beiden Mitstreiterinnen aus Hamburg gewann sie sowohl im Classic als auch im Sprint Bronze.

Das ist umso erstaunlicher, denn gerade vor den Wildwasser-Abfahrten ist die 17-Jährige extrem aufgeregt. „Ich bin ja nicht so der Draufgänger, eher zurückhaltend. Ich muss mich ganz auf mich fokussieren. Das Selbstvertrauen kommt dann, wenn ich genau weiß, was ich tue. Dann wird auch beim Wildwasser aus der Nervosität großer Spaß und damit kommt dann zugleich auch die Leistung“, erklärt Marie Gerland.

Dabei setzt sie sich selber nicht unter permanenten Leistungsdruck. „Natürlich freue ich mich über eine gute Platzierung. Aber letztlich versuche ich einfach, immer so gut zu sein, wie es in diesem Augenblick gerade geht.“ Zurzeit lässt Marie Gerland die Saison ausklingen, die letzten Meisterschaftsrennen sind gelaufen, die im Kanu-Rennsport diesmal auch ohne die 17-Jährige. Herbst und Winter stehen vor der Tür, und da steht für sie in erster Linie Ausdauertraining auf dem Programm.

Um die dann nicht mehr so trainingsintensive Zeit auszufüllen, hat sie so ganz nebenbei die Musik für sich entdeckt. Zunächst am Klavier und mittlerweile auch mit dem Saxofon hat sie sich einen besonderen Ausgleich für ihren Sport geschaffen. „Aber ohne Auftritt oder ähnliches. Nur allein für mich“, betont sie.

Im kommenden Jahr stehen für sie die Abi­turpüfungen an, mit der Besonderheit, dass Marie das sogenannte Abibac absolviert, eine Mischung aus deutschem und französischem Abitur. Was danach kommt, steht noch nicht fest. „Vielleicht ein Freiwilliges Soziales Jahr, aber geplant ist noch nichts“, sagt sie. Klar ist wohl nur, dass sie ihre Faszination für das Dahingleiten auf dem Wasser nicht verlieren wird. Für Marie Gerland steht fest: „Für mich sind meine Kanufreunde bei Störtebeker meine Familie. Das ist nun einmal mein zweites Zuhause.“