“Training unter olympischer Anleitung”

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"Obwohl es keine Wildwasseranlage gibt, trainiert der Nachwuchs im Kanuslalom auf Spitzenniveau"

von Lisa Uhlbauer - 20. Januar 2021 - WESER KURIER - Sport

Bremen. Kanuslalom ist eine von zwei olympischen Disziplinen im Kanusport - und wird auch beim Störtebeker Bremer Paddelsport trainiert. Ziel ist es, auf einer Wildwasserbahn in kürzester Zeit fehlerfrei im Slalom durch eine Reihe von Toren zu fahren, in Fließrichtung, aber auch gegen den reißenden Strom. Seit vier Jahren trainiert eine Gruppe Sieben- bis Zwölfjähriger die Sportart unter der Anleitung ehemaliger Olympioniken - und das auch erfolgreich. Die ersten Medaillen haben sie bereits mit nach Hause gebracht. Dabei ist Bremen für den Kanuslalom alles andere als der ideale Standort, denn eine Wildwasseranlage gibt es in der Hansestadt nicht.

Sechs Jahre gehörte Lynn Reys, geborene Simpsons, zur Weltspitze des Kanuslaloms. Für Großbritannien hat sie Mitte der 1990er-Jahre im Kajak-Einer der Damen für den Gesamtweltcup dreimal in Folge gewonnen, war 1995 Weltmeisterin und hat an den Olympischen Spielen 1992 und 1996 teilgenommen. Ihr Mann, Michael Reys, hat zehn Jahre für die niederländische Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften gepaddelt und 1991 den vierten Platz erreicht. Bei den Olympischen Spielen in Barcelona und Atlanta belegt er beiden Male Platz elf, 1996 war er zehnter des Gesamtweltcups im Kajak-Einer. Seine Karriere sei allerdings Geschichte, sagt Reys. "Mein Fokus liegt nun auf den Kindern."

Beruflich hat es die zwei nach Bremen verschlagen. Nach zwei Jahren sportlicher Pause fördern sie seit 2017 den Nachwuchs in der olympischen Disziplin. Teil des Trainer-Teams sind außerdem Mathias Winkler sowie Andre Kießlich vom Verein für Kanusport Bremen, die sich auch im Sport verdient gemacht haben. Ein Spitzenquartett zur Förderung des Slalom-Nachwuchses, der mittlerweile aus 16 jungen Bremerinnen und Bremern besteht. Ihre Trainingsstätte ist die Kleine Wümme am Rande des Technologieparks der Uni Bremen. Dabei sollte es ursprünglich laut den Verantwortlichen nur darum gehen, Grundlagen zu vermitteln - Leistungssport schien aufgrund der Trainingsbedingungen unwahrscheinlich.

Die jungen Kanuten sollten ihre Trainerin und Trainer allerdings vom Gegenteil überzeugen: Trotz seiner wildwasserlosen Heimat zeigt sich der Bremer Nachwuchs auf Deutschen und Norddeutschen Meisterschaften erfolgreich. Allen voran: Jonte Winkler und Thomas Reys. Im Oktober holte Reys den deutschen Vizemeistertitel im Kanadier-Einer der Altersklasse der Zehn- bis Zwölfjährigen, Winkler den vierten Platz im gleichen Rennen. Im Kajak erreichte Reys den achten Platz, Winkler Platz 13. In der Kombinantionswertung der Kajak- und Kanadier-Rennen holte Reys den dritten Platz und Winkler Platz sechs. Über den Spaß hinaus haben sich also auch sportliche Erfolge bei den jungen Kanuten eingestellt.

Im Dezember gehörten sie außerdem erstmals zu den von der Sportstiftung Bremen geförderten Athleten. Bootsgefühl, Kraft und Geschicklichkeit sind die wichtigsten Voraussetzungen der Sportart. Zu Beginn werden die Grundlagen trainiert. Können die Kinder geradeaus fahren, geht es ans Lenken und die verschiedenen Paddelschläge, erkärt Mathias Winkler. Sobald der Ausstieg sitzt, geht es auf fließendes Wasser. "Als ich zum ersten Mal großes Wildwasser gefahren bin, hatte ich schon Angst", erzählt Thomas Reys. Mittlerweile beherrscht Reys sein Paddel und weiß, wie er es nutzen muss, sollte sein Kanu mal kentern - und er kopfüber unter Wasser hängen. Das habe ihm auch die Angst genommen. "Die beiden Jungs machen das sehr sicher", sagt Trainer Winkler.

"Im Sommer sind sie nicht vom Wasser zu kriegen", erzählt Michael Reys. Jeden zweiten Tag trainieren Reys und Winkler junor, auch im Winter. Dann werden zur Neoprenkleidung und Helm eben noch die Handschuhe angezogen. Sie machen Sprints oder arbeiten an ihrer Ausdauer - über die Grundlagen sind die beiden Zwölfjährigen weit hinaus. "Ich mag die Bewegung gern und das Gefühl durch Wildwasser zu fahren", erklärt Jonte Winkler seine Begeisterung für den Sport. Am Wochenende wird dann auf fließendem Wasser trainiert - die nächsten Anlagen sind in Rotenburg an der Wümme und Hildesheim.

Es sei aufwendig, Kanuslalom in Bremen zu betreiben, sagt Michael Reys. Die Begeisterung für den Sport mache es aber wett. Die Anlage vor ihrem Paddelverein ist derzeit noch ein Provisorium mit ausgemusterten Toren anderer Vereine. Den Sportlern schwebt eine feste Strecke vor, dafür wollen sie demnächst beim Sportamt vorstellig werden. "Wir wollen und müssen Strukturen schaffen", sagt Reys. Die olympische Disziplin soll in Bremen sesshaft werden - und auch ohne das Trainerquartett funktionieren.

Slalom-Anlage in Bremen-Nord nur bis zur Machbarkeitsstudie geplant

Fast hätte Bremen mal eine Wildwasseranlage bekommen, am Sportparksee in Grambke. Der Plan: eine 255 Meter lange Slalomstrecke, die um den elf Meter hohen Rodelberg herumführt, dazu ein Fluss mit Wasserfällen sowie eine Aufwärm- und Freestylebahn. Welt-Niveau sollte die Anlage haben, wie die in Augsburg und dem sächsischen Markkleeberg. Bis zur Machbarkeitsstudie wurde das Projekt zwischen 2003 und 2005 geplant - daraus geworden ist allerdings nichts. "Letztendlch ist es aber an der Grundentwicklung gescheitert", sagt der Präsident des Landes-Kanuverbands, Norbert Köhler. Der Deutsche Kanuverband habe die Idee einer Strecke in Norddeutschland unterstützt, so Köhler. Bei der Nordbremer Bevölkerung sind die Wassersportler allerdings auf wenig Gegenliebe gestoßen, wie der WESER-KURIER damals berichtete, und auch die Finanzierung war nicht gesichert. Das Modell der Anlage gibt es noch, es steht beim LKV-Präsidenten zu Hause. "Ich bin ganz begeistert, dass der Sport in Bremen jetzt trotzdem betrieben wird", sagt Köhler.