Presseartikel: “Im Bruder-Boot weiß man genau, wie der andere tickt”

eingetragen in: Aktuelles, Presse | 0
von Rainer Jüttner – 21.04.2019 – Weser Strand, Serie “Übung & Meister”
Marcel (24) und Sven Paufler (21) vom Verein Störtebeker Bremer Paddelsport gehören seit Jahren zu den weltbesten Kanusportlern. Unter anderem gewannen sie als Einzelstarter in den verschiedenen Leistungsklassen jeweils 13 deutsche Meistertitel und jeweils sechs deutsche Vizetitel. Marcel Paufler arbeitet mittlerweile als Verwaltungsinspektor und gewann 2018 unter anderem im Wildwasserrennsport die Europameiserschaft der U23 (Einzel und Mannschaft) und wurde im Kanu-Marathon Vize-Weltmeister der U23. In der offenen Leistungsklasse wurde er WM-Achter im Einzel. Der Student Sven Paufler wurde unter anderem 2015 auf dem Wildwasser Teamweltmeister der Junioren und holte im Einzel den Vizetitel. Seit 2016 sitzen die beiden Brüder im Marathonsport gemeinsam im Zweier-Kajak.
Warum haben Sie sich mit dem Kanusport ausgerechnet eine der trainingsintensivsten Sportarten ausgesucht?

Sven Paufler: Kanusport hat bei uns in der Familie eine lange Tradition. Über unsere Eltern hatten wir die ersten Berührungspunkte. Später kamen dann die ersten Erfolge hinzu. Die haben uns dann zusätzlich motiviert.

Marcel Paufler: Sobald wir ein Paddel halten konnten, hieß es im Urlaub “Paddel in die Hand”, dann in den Wanderboot-Zweier vorne rein gesetzt. Nach ein paar Minuten sind wir dann meistens schon eingeschlafen, weil das Schaukeln auf den Wellen schon ziemlich beruhigend ist. Mein erstes Rennen bin ich dann mit sechs Jahren gefahren. Das war ein dritter Platz von vier Teilnehmern.

Was fasziniert Sie am Kanusport?

Marcel: Da sind mehrere Komponenten. Das eine ist die Perspektive. Mit dem Kajak einen Meter über der Wasseroberfläche zu sein, hat mich von klein auf fasziniert. Das andere ist ganz klar die Geschwindigkeit. Wenn man bei uns hier auf der kleinen Wümme an den Booten mit einem doch gewaltigen Geschwindigkeitsunterschied vorbeifährt, ist das ein Gefühl, das süchtig macht. Und wenn man dann in den Wettkämpfen merkt, ich kann vor den anderen sein, will man dieses Gefühl immer wieder haben.

Sven: Und dann ist da ja auch noch die Landschaft. Darauf achtet man natürlich nicht bei gerade hoher Trainingsintensität, aber grundsätzlich ist es schon ein Unterschied, ob man auf einem Leichtathletikplatz bei 30 Grad im Sommer 15 Runden läuft, oder ob man auf einem See oder auf einem Fluss eine Wassersportart betreibt. Im Winter gibt es dann andererseits natürlich auch Momente, in denen man mit der Motivation zu kämpfen hat.

Marcel: Aber gerade im Winter morgens früh, um halb Sieben aufs Wasser zu gehen, die Sonne geht langsam auf, es ist noch leicht nebelig – das ist ideal. Da gibt es für mich einfach nichts Schöneres. Da lohnt sich das frühe Aufstehen.

Warum starten Sie nicht in den olympischen Disziplinen?

Marcel: Wir haben natürlich darüber nachgedacht. Am Ende muss man aber schauen, wofür kann ich mich motivieren, was macht mir Spaß. Wenn der nicht da ist, funktioniert es nicht. Und im Kanurennsport fährt man entweder die 200, die 500 Meter oder die 1000 Meter geradeaus und ist im Ziel. Beim Kanumarathon hat man Taktik, Technik, Wechsel, viel mehr Action. Und im Wildwasserrennsport ist es ähnlich. Dafür kann ich mich dann viel mehr motivieren.

Apropos: Reich wird man mit Hochleistungspaddeln nicht. Was treibt Sie an, täglich ins Boot zu steigen – Ruhm und Ehre?

Sven: Ja, natürlich auch. Und definitiv der Ehrgeiz. Nach jedem Erfolg gucke ich natürlich schon, wo ist die nächste Stufe, die nächst höhere Etappe. Und auf internationaler Ebene herrscht dann noch einmal ein ganz anderes Niveau. Da kommen ja noch die ganzen Reisen duch die ganze Welt hinzu. Das ist jetzt also eine Zeit, die man neben all der sportlichen Anstrengung auch genießen sollte. Wir wären im Leben sonst nie so weit durch die Welt gekommen, wie durch den Marathonsport. Das macht es aus.

Marcel: Für mich ist es die Leidenschaft, der Ehrgeiz und die Liebe zum Sport. Diese Komponenten sind so groß, dass ich dafür alles in Kauf nehme.

Mal abgesehen von den Titeln und Medaillen – was war Ihr größter persönlicher Erfolg? Wofür mussten Sie am meisten kämpfen?

Sven: Da fällt mir sofort unser erstes gemeinsames WM-Rennen 2016 ein. Das war das Jahr, in dem ich aus der Junioren- in die offene Klasse gewechselt war, wo man sich mit den Besten der Welt misst. Wir wussten nicht, wo wir stehen. Danach war klar, da kann in den nächsten Jahren noch etwas kommen. Da geht noch was.

Worin liegt denn dieser ganz besondere Reiz bei einem Bruder-Boot?

Marcel: Ich hätte das gleiche Rennen genommen. Bis dahin war ich eigentlich Einzelsportler, obwohl ich auch bis dahin schon mit einigen Partnern zusammen gefahren war. Diese erste gemeinsam WM war ein Wendepunkt, seitdem liegt der Fokus ganz klar auf dem Zweier.

In all den Jahren wird nicht immer alles glatt gelaufen sein. Gab es auch Situationen, in denen die Lust am Kanufahren abhanden gekommen war? Mussten Sie Durststrecken überwinden? Und vor allem – wie sind Sie da wieder raus gekommen?

Marcel: Die Kommunikation ist eine ganz andere. Man braucht sich in keiner Weise irgendwie zu verstellen, weil es der andere sowieso merken würde. Man weiß genau, wie der andere tickt, das bringt einem viel, nicht nur im Boot, sondern auch, was die Trainingseinstellung, die Sichtweise und die Ziele betrifft. Dazu kommen die physischen Argumente. Wir sind uns sehr ähnlich, sind ziemlich gleich groß und so weiter. Aber der größte Vorteil ist am Ende, dass wir vom Kopf her auf einer Wellenlänge sind, die gleichen Werte haben.

Sven: Nach dem Jahreshöhepunkt kann man durchaus in ein kleines Loch fallen. Alle Lasten fallen ab, man mag das Paddel erst einmal nicht mehr anfassen. Dann wieder reinzukommen, fällt schon schwer. Besonders im Winter ist es dann wichtig, dass wir das nächste Jahr planen, so früh wie möglich wieder ein Ziel vor Augen haben. Wofür gehen wir im Winter bei Kälte auf das Wasser?

Marcel: Mir hilft in solchen Phasen immer sehr gut die Vorstellung, dass jetzt gerade die Konkurrenz arbeitet. Da stellt sich bei mir eigentlich immer sofort das schlechte Gewissen ein und ich bin dann schnell wieder sehr motiviert, am nächsten Tag wieder zu trainieren.

Ihre Liste an Erfolgen ist lang. Was haben Sie noch für Ziele und womit motivieren Sie sich noch?

Sven: Unsere beste gemeinsame Platzierung war 2017 bei der WM der siebte Platz. Aber eigentlich geht es mir nicht unbedingt um Platzierungen. Mir geht es darum, mich immer wieder mit den Besten der Welt zu messen. Die Weltelite besteht aus Profis, die rund um die Uhr trainieren können. Mit unseren Mitteln immer mehr auf deren Niveau zu kommen, beim nächsten Rennen noch ein weiteres Boot dieser Profis hinter uns zu lassen, das ist meine persönliche Motivation.

Marcel: Wir sind zwar Brüder, aber da unterscheiden wir uns tatsächlich. Die persönliche Entwicklung ist sicherlich das Wichtigste. Aber ein Stück weit gucke ich auch auf die Platzierung. Mein Ziel ist ganz klar, im Zweier besser zu sein als der siebte Platz. Ich würde mich freuen, wenn man mal in Richtung der Top Fünf gucken kann.

Sportliche Erfolge kommen nicht von ungefähr. Wie sieht Ihr Trainingsplan aus und ist das angesichts der ehrgeizigen Ziele noch ausbaufähig?

Sven: Wir sind vom zeitlichen Umfang her durch Beruf und Studium natürlich eingeschränkt. Zurzeit versuchen wir, jeden Tag nachmittags einmal zu paddeln und eigenständig vormittags eine zweite Trainingseinheit mit Laufen, Kraft oder Gymnastik zu absolvieren. Am Wochenende sind wir dann auf jeden Fall zusammen unterwegs und paddeln eine lange Runde, weil da einfach mehr Zeit vorhanden ist. Vor großen Wettkämpfen schieben wir dann jeweils noch einmal ein Trainingslager ein, bei dem wir dann zwei- bis dreimal am Tag trainieren. Wir versuchen, auch an den Kleinigkeiten zu arbeiten. Die Technik zu verbessern und an den Grundlagen im Winter zu arbeiten. An der Ernährung zu arbeiten, an der Motivation.

Marcel: Der Umfang ist nicht die Stellschraube, an der wir drehen sollten. Der Schlüssel für die Trainingssteuerung ist die Intensität. Wie und was man trainiert, ist der entscheidende Punkt.

Welche sportlichenZiele haben Sie sich in diesem Jahr gesetzt?

Sven: Im Marathonsport haben wir in diesem Jahr natürlich wieder zwei Höhepunkte. Die Europameisterschaft im Juli in Frankreich und die Weltmeisterschaft im Oktober in China.

Marcel: Für die Qualifikation steht aber erst einmal die Deutsche Meisterschaft im Mai auf der Ems in Rheine an. Die Saison ist in diesem Jahr sehr lang, der Saisonhöhepunkt spät. Wir werden also versuchen, im Juli zur EM und dann noch einmal im Oktober zur WM auf den Punkt fit zu sein. Hinzu kommt noch ein Weltcuprennen, da wisssen wir noch nicht, ob nur einer von uns startet. Von der Bedeutung her sind die etwas unterhalb der EM, sind aber nichtsdestotrotz wichtige Wettkämpfe, weil die immer dort stattfinden, wo im Jahr darauf die Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Das ist dieses Jahr im Mai in Oslo und man hätte sich dann schon einmal alles vor Ort für die WM 2020 im September angeschaut.

Das Paufler Canoe Team und Ihr Verein Störtebeker Paddelsport sind Ihre sportliche Heimat. Haben Sie schon mal daran gedacht, zu einem Leistungsstützpunkt zu wechseln?

Sven: Ich könnte mir das nicht vorstellen. Für mich ist es unglaublich wichtig, unsere langjährigen Unterstützer an unserer Seite zu haben, die an unserer Seite stehen, uns anfeuern. Wenn man an einem Leistungsstützpunkt allein trainiert, kann schon mal der Spaß verloren gehen. Und dort hat man diese Menschen nicht, die einen auch immer daran erinnern, warum man das alles macht.

Marcel: Hier können wir vieles so machen, wie es uns am besten passt. Wir sind im Paufler Canoe Team die beiden ausführenden Teile, aber da sind viel mehr Leute, die ganz viel dazu beitragen. Darauf zu verzichten, wäre erstens nicht möglich. Und ganz ehrlich ist dieses ganze Konstrukt für mich mittlerweile auch ganz entscheidend für meine Motivation. Denn so ganz für sich alleine macht man das Ganze dann eben doch nicht. Man fährt schon für andere Leute mit. Für den eigenen Verein, für den Verband, von dem man profitiert hat.

Das Interview führte Rainer Jüttner.

K a n u s p o r t

In Bremen und Umzu gibt es eine Vielzahl von Vereinen, die Kanukurse für Anfänger und Fortgeschrittene sowie Möglichkeiten, um Breiten- und Leistungssport zu betreiben, anbieten. Informationen dazu gibt es am besten auf der Internetseite des Landes-Kanu-Verbandes (LKV) Bremen, weil dort alle Vereine mit weiterführenden Informationen (Homepages und Kontaktdaten) gelistet sind. Der LKV ist unter www.kanu-bremen.de im Internet zu finden, der Heimatverein der Paufler-Brüder unter www.stoertebeker-bremen.com .