“Reis mit Ei oder Spaghetti Bolognese?”

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Ans etwas andere Frühstück in China haben sich Marcel und Sven Paufler vor ihrem WM-Start schnell gewöhnt

Von Jörg Niemeyer  – 15. Oktober 2019 –  WESER-KURIER (Sport – Hauptausgabe)

Shaoxing. Die Kulisse ist schon mal beeindruckend. Wolkenkratzer am Rande der Wettkampfstrecke im chinesischen Shaoxing sind landschaftlich das krasse Gegenteil von dem, was Marcel und Sven Paufler bei ihren Trainingseinheiten auf der beschaulichen Kleinen Wümme gewohnt sind. Das Brüderpaar  aus dem Störtebeker Bremer Paddelsportverein hat am vergangenen Sonntag nach einer endlos langen Anreise die ersten Trainingseinheiten absolviert. Wenn für sie alles nach Plan verläuft,  sitzen sie am kommenden Sonntag ab 14:15 Uhr Ortszeit (8:15 Uhr in Bremen; Livestream im Internet) im Kanu-Marathon im Kajak-Zweier der Männer gemeinsam im Boot.

Die Pauflers hoffen, dass alles nach Plan verläuft, aber sicher sein können sie nicht. Es könnte zum Beispiel einer krank werden. Dann wäre das Boot gesprengt, der Start unmöglich. Einen Ersatzmann gibt es nicht, einen Plan B dagegen schon. Für den Fall der Fälle haben die Brüder kurzerhand zwei  Kajaks nach China geschickt – außer dem Zweier auch den Einer. Wobei: Kurzerhand ist an dieser Stelle kein ganz korrekter Ausdruck. „Wir haben die Boote vor zwei Monaten in einen Container gepackt und auf die Reise geschickt“, sagte Marcel vor dem Abflug am vergangenen Freitag. „Hoffentlich sind sie überhaupt angekommen“, sagte er auch noch.

Inzwischen haben die Bremer erleichtert festgestellt, dass die Logistik geklappt hat. Gerade in einem fernen Land ist allerdings keineswegs gewährleistet, dass die Gesundheit auch mitspielt. Der klimatische Wechsel, Reisestrapazen, anderes Essen: Es gibt einige Faktoren, deren Wirkung nur schwer zu planen ist. Natürlich haben die Pauflers an Medikamente genauso gedacht wie an eigene Getränke. Man weiß ja nie. Marcel ist für den Kajak-Einer sogar startberechtigt. Er winkt aber ab. Zwei Marathon-Rennen kurz hintereinander wären zu viel für ihn.

Unsere Leistungen im Training waren zuletzt sehr gut

Marcel Paufler

Das Einer-Rennen ist für Sonnabend, 15 Uhr (Ortszeit) angesetzt. Nach 29,8 Kilometern und insgesamt sieben Portagen – das sind die Abschnitte, in denen der Athlet das Boot aus dem Wasser hebt, es einige Meter laufend trägt und dann wieder einsetzt – wäre die Zeit bis Sonntagmittag zu kurz, um die Energievorräte des Körpers wieder komplett aufzufüllen. „Im Zweier würden mir dann immer ein paar Körner fehlen“, sagt Marcel, mit 24 Jahren der ältere Bruder. Was er sich vorstellen könnte, wäre am Donnerstag ein Start im Einer auf der Kurzstrecke über 3,6 Kilometer. Die Entscheidung darüber ist aber noch nicht gefallen. Denn Marcel und der 21-jährige Sven haben sich klar fokussiert: Die WM soll die WM des Duos werden, gemeinsam und gleichermaßen fit wollen sie ihr Bestes geben. 2017 in Südafrika wurden sie Siebte, 2018 in Portugal Achte. Für Shaoxing haben sie in den vergangenen Monaten hart trainiert. Die EM im Juli in Frankreich war für das Brüder-Paar mit Rang zwölf zwar schlechter gelaufen als erhofft, doch zuletzt im Training lief es super. „Im September sind wir an jedem Wochenende Rennen gefahren“, sagt  Marcel. Sie wollten ihre Motivation und ihre Wettkampfhärte noch halten. „Wir hoffen, dass sich das am Sonntag auch auszahlt. Unsere Leistungskurve ist jedenfalls nicht nach unten gegangen.“

Die gute Laune des Duos, das von seiner Mutter Martina begleitet wird, hat auch durch die 27-stündige Anreise nicht gelitten. Die erste Nacht, von Sonnabend auf Sonntag, war für sie sehr erholsam. Und mit Unterkunft und Verpflegung sind sie ganz zufrieden. „Auch wenn es gewöhnungsbedürftig ist, zum Frühstück zwischen Reis mit Ei und Spaghetti Bolognese zu wählen“, sagt Marcel. Selbst die Kosten in Höhe von etwa 2500 Euro pro Person, die die Sportler überwiegend selbst tragen, drücken nicht auf die Stimmung. Die Pauflers kennen das nicht anders. Sie beschweren sich nicht, sie pflegen ihren Internet-Auftritt (www.paufler-canoe-team.de) und freuen sich über die Unterstützer, die sie im kleinen Rahmen sehr wohl auch haben.

Die WM ist für Marcel, Sven und Martina zugleich der Jahresurlaub. So ist das im Amateursport nun mal. Und weil sie, wie Marcel lachend erzählt, ostwärts noch nie weiter als bis nach Ungarn gekommen sind, hängen sie in China noch drei Tage Schanghai-Aufenthalt hinten dran. Doch erst einmal freuen sie sich auf die Eröffnungsfeier am Mittwoch. Wenn alles nach Plan verläuft, sind sie kommende Woche Freitag wieder in Bremen.

Die Millionenstadt Shaoxing liegt im Osten Chinas und dort am südlichen Ufer der Hangzhou Bay und am Ufer des Flusses Qiantang. Nach 2011 in Singapur findet die ICF-Kanu-Marathon-Weltmeisterschaft 2019 zum zweiten Mal in Asien statt. Ein Ereignis, auf das sich die Bremer seit Langem freuen und auf das sie sich in diesem Jahr voll konzentriert haben.  

Training und WM-Vorbereitung vor stattlicher Kulisse: Marcel (links) und Sven Paufler freuen sich auf ihren Start im chinesischen Shaoxing. Foto: Martina Paufler